Evangelische Kirchengemeinde Büderich

Gedenkfeiern anl. der Zerstörung von Alt-Büderich vor 200 Jahren

Wesel-Büderich, 9. Dezember 2013: Mit einem umfangreichen Programm lädt der Heimatverein Büderich und Gest e.V. in Zusammenarbeit u.a. mit den Büdericher Kirchengemeinden zu Gedenkfeiern und Veranstaltungen in und um Wesel-Büderich ein.
Mittwoch, 11. Dezember 2013, 18:00 Uhr: Friedensgebet in beiden Büdericher Kirchen; anschließend Friedenslichterkette auf dem Marktplatz Büderich
Mittwoch, 11. Dezember 2013, 19:30 Uhr: Vortrag von Prof. Dr. Margret Wensky zur geschichtlichen Entwicklung von Alt-Büderich; Gasthof van Gelder
Freitag, 13. Dezember 2013, 10:00 Uhr: Ökumenischer Schulgottesdienst im Zelt an der alten B 58 zwischen Büderich und Wesel, anschließend Enthüllung einer Schautafel und Stadtführungen in Alt-Büderich
Samstag, 14. Dezember 2013, 14:00 bis 16:00 Uhr: Stadtführungen in Alt-Büderich
Sonntag, 15. Dezember 2013, 10:00 Uhr: Ökumenischer Gottesdienst im Zelt an der alten B 58 zwischen Büderich und Wesel unter Beteiligung aller Büdericher Chöre; anschließend: Festakt unter der Schirmherrschaft der Bürgermeisterin der Stadt Wesel, Ulrike Westkamp

Bereits seit dem 4. Dezember 2013 ist in der Evangelischen Kirche Büderich die Ausstellung „Verzweiflung und Hoffnung“ zu sehen, die von Schülerinnen und Schülern des Andreas-Vesalius-Gymnasiums (AVG) Wesel gstaltet wurde.

Herrmann J. Klein hat die Protokolle der Ev. Kirchengemeinde Büderich aus dieser Zeit untersucht. Sein Bericht und eine Einleiting von Pfarrer Joachim Wolff stehen hier:

Am Sonntag, 15. Dezember 2013 um 10:00 Uhr wird in einem ökumenischen Gottesdienst der Zerstörung von Alt-Büderich durch die Truppen Napoleons vor 200 Jahren gedacht. Der Gottesdienst wird in einem Zelt gefeiert, das am Standort der ehemaligen Kirche an der alten B 58 aufgestellt wird. In der 1466 erbauten gotischen Kirche, die beide Konfessionen gemeinsam genutzt haben, wurde am 19. Dezember 1813 zum letzten Mal Gottesdienst gefeiert. Am Tag darauf wurde die Kirche gesprengt.

In alten Unterlagen ist zu lesen, dass die Büdericher Bevölkerung den Ort vor seiner Zerstörung fluchtartig verlassen hat. Offenbar sind die meisten Einwohner in den Nachbarorten untergekommen. Doch wie hat die kleine evangelische Gemeinde dieses dramatische Ereignis erlebt? Was hat die evangelischen Christen zusammengehalten? Gab es weiterhin Gottesdienste? Gab es ein Gemeindeleben? In den letzten Wochen und Monaten hat Hermann J. Klein in unserem Gemeindearchiv geforscht. Er hat die spärlich vorhandenen Akten aus dieser Zeit gesichtet, abgeschrieben und ausgewertet. Dafür sei ihm an dieser Stelle noch einmal ausdrücklich gedankt. Seine Forschungsergebnisse sind nachfolgend abgedruckt. Joachim Wolff

Was enthalten die Akten der reformierten Kirchengemeinde Büderich über die Zerstörung der Stadt im Jahre 1813 und den Wiederaufbau am neuen Ort?

Um es vorweg zu nehmen, die Zerstörung von Alt-Büderich und der von Reformierten und Katholiken gemeinsam genutzten Kirche muss für die Gemeinde ein gewaltiger Schock gewesen sein. Die „Acta consistorii“, die Presbyteriumsprotokolle dieser Zeit, fehlen oder enthalten keine Angaben über die Ereignisse. Offensichtlich ließen der am 11. Dezember 1813 verkündete Befehl Napoleons zur Räumung der Stadt innerhalb von zwei Tagen, die Sprengung der Kirche am 20. Dezember und die anschließenden Turbulenzen durch den Sturz des französischen Kaisers und den neuen Aufbau des Ortes keinen Raum für die Dokumentation des Gemeindelebens. Die Protokolle enden mit der Versammlung am 11. Februar 1810 und beginnen wieder mit dem 26. Oktober 1832. Aus den Kirchenakten lässt sich jedoch einiges entnehmen, das etwas Licht auf diese Zeit wirft:

Am 26. Dezember 1833 befasst sich das Presbyterium mit den „Entschädigungsgeldern für vom Fort Blücher abgekaufte Grundstücke“. Es gab also Entschädigung für die Enteignung.

Anfang 1834 wird die Zuteilung von Friedhofgrundstücken kritisiert, da sie zu tief liegen und zu weit von der Chaussee (heutige B 58) hinter den katholischen Friedhofsgrundstücken. Letztlich wird der evangelische Friedhof an anderem Ort angelegt, die zugeteilten Grundstücke werden verkauft.

Am 1. Dezember 1819 geht ein Protestschreiben an den Superintendenten zu Uedem mit bitteren Beschwerden über die Ungleichbehandlung im Vergleich mit der katholischen Gemeinde. Nachfolgend Auszüge aus diesem Schreiben: „Im Allgemeinen genießt die hiesige kath. Gemeine auf welche wir keineswegen mit  Scheelsucht hinblicken; sondern mit welcher wir bloß gleiche Berechtigkeit in Anspruch nehmen in allen Stücken vor der Unsrigen den Vorzug. Der Kirchhof wurde angelegt, und bey der Theilung erhält die kath. Gemeine den bei weitem größern und ansehnlichern Platz, dieser zugleich eine anständige Einfassung, der unsrige indes gar keine. Und als der kath. Pfarrer starb, wurde ihm von den Grabsteinen unserer vormaligen Kirche ein Grabmahl errichtet. Das neu erbaute evangl. Pfarrhaus hieran ist bis jetzt noch keine genügente Treppe sichtbar, während das kath. Pfarrhaus gleich anfangs hiermit versehen worden, und nun (wird) der Rest … Grabsteine … und von dort herrührenden Steine an dem bereits begonnenen Bau der kath. Kirche verwendet. Der Bau der kath. Kirche hat wie vorerwähnt, bereits begonnen; wann mit Aufführung der Unsrigen begonnen werden soll ist noch unbestimmt. Jene soll eine ganz geräumige mit einem schönen Thurm werden, deren Kosten-Anschlag man auf 21.000 rt. (Reichstaler) angeben will; diese aber wie vorliegende Abschrift des von dem H. Bau-Inspektor v. Gloeden mitgetheilten Plans ausweiset, würde blos eine Art von Kapelle werden, welche etwas mehr als 100 fassen und ongefähr 6.000 rt. kosten dürfte. Da es nun im Geiste unseres so tolerant denkenden Gouvernements nicht seyn kann, diese so lobenswerthe Toleranz blos auf einen Theil, auf Kosten des Andern und mit Ausschließung der eigenen Glaubens-Genossen anwenden zu wollen, so ergehet unsere ebenso dringende als ergebene Bitte an Ewg, höhern Orts die Wiederherstellung der vermißten Gleichheit gütigst bald erwirken zu wollen. Aus der nemlichen Ursache können wir zugleich nicht einsehen, warum man uns nur eine so unbedeutende Kirche erbauen will, da doch der uns von Rechts wegen gebührende Bau wenigstens dem der Katholiken gleich kommen, wenn nicht denselben übersteigen dürfte.“

Am 27. Juni 1822 fand eine Presbyteriumssitzung statt, deren Protokoll in Abschrift erhalten ist. Der Superintendent, der selbst anwesend war, hatte offensichtlich die bisher fehlenden Kirchenrechnungen der Jahre 1811 bis 1821 angemahnt. Sie wurden nun vorgelegt. Das Protokoll führt unter anderem aus: „Dann übergab derselbe (Rendant) noch eine besondere Rechnung über 57 Rthlr. 57 st. (Stüber) 4 Deuten, welche aus dem Verkaufe des unter die Trümmer der vorigen Kirche befindlich gewesenen Holzes, insofern der Ertrag bei der deshalb Statt gehabten Theilung mit der römischkatholischen Gemeine, dem evangelischen Kirchenvorstand anheimkam, gelöst worden waren.“

Mit Schreiben vom 27. August 1824 an die Regierung in Düsseldorf bittet die Gemeinde um Rückzahlung der für die Neubauten von Kirche und Pastorat vorgestreckter Gelder: „Bey gänzlicher Unverbindlichkeit unsererseits irgend einen Geld-Beitrag für den Aufbau betreffender durch die Demolirung Büderichs zerstörten Gebäude zu leisten, wagen wir daher die Meinung auszusprechen, wie die Rückzahlung der gedachten Kapitalien eigentlich mit der genannten Rechnungslage wohl in keiner Verbindung stehn kann, sondern mit den Beständen der Retabliments-Casse (Retablissement = Wiederaufbau) ohne Anstand erfolgen müßte, zumal es uns bekannt ist, daß die hiesige kath. Gemeinde die in gleicher Art geleisteten Vorschüsse mit 1500 rt schon längst zurückerhalten hat, und ihr auch neuerdings eine ohngefähr gleiche Summe aus besagter Retabliments-Casse zum Aufbau einer Kaplaney zu Theil geworden ist, daher schon die Grundsätze der Parität die Gewährung unserer … Bitte dringend zu erfordern scheinen. … Auch können wir bei dieser Gelegenheit nicht ruhen Euer g Regierung die Resultate der im Jahre 1813 franzosischer Seits geschehenen Abschätzung des unserer evangl. Gemeine gehörigen Gebäulichkeiten ehrerbietigst in Erinnerung zu bringen.
Die gemeinschaftliche Kirche
wurde abgeschätzt zu 70.000 Sn,
woran unsere Gemeine zur Hälfte beteiligt 35.000 Sn
das Pastorathhaus nebst Garten 10.000 Sn
das Schul- und Küsterhaus 2.900 Sn
47.900 Sn„

Am 19. Februar 1833 ging ein Schreiben an die Regierung zu Düsseldorf wegen Erstattung von 512 Thalern, 28 Silbergroschen für „die Wiederaufstellung der Orgel in unserer evangelischen Kirche“. Der Orgelprospekt der 1830 in der neuen Kirche aufgestellten Orgel ist von Otto von Gloeden gestaltet worden. Beim Bau der Orgel wurden möglicherweise Teile der alten Orgel aus der zerstörten Kirche verwendet.

Als Fazit bleibt festzustellen:

  1. Unmittelbar vor dem Abbruch von Alt-Büderich wurden von einer französischen Kommission die Gebäudewerte ermittelt, da das französische Recht (Code Civil) bei Enteignungen zum Gemeinwohl eine Entschädigung vorsah. 2. Das Kircheninventar wurde überwiegend sichergestellt. Dazu gehörten u.a. Teile der Orgel. Von den zwei Glocken der alten Kirche erhielt die evangelische Gemeinde per Losentscheid die kleinere Glocke.
  2. Nach der Zerstörung wurden Baustoffe (Steine Holz) „recycelt“, verkauft oder wiederverwendet. Recycelt wurden vor allem Steine, was im vorindustriellen  Zeitalter absolut normal war. Die Wiederverwendung von Artefakten (künstlerisch gestaltete Gegenstände) war angesichts des hohen Arbeitsaufwandes billiger als die Neuanschaffung. Dass man in Büderich im Nachhinein noch Holz geborgen hat, ist bemerkenswert.
  3. In Neu-Büderich wurden Grundstücke für die Gemeindegebäude und auch für den Friedhof zur Verfügung gestellt. Der Wiederaufbau war ein Komplettpaket, in dem alles Taxierte und Abgebrochene berücksichtigt wurde. Die benötigte Fläche wurde auf 15 holl. Morgen und einen Morgen Friedhof berechnet. Der Friedhof  wurde entsprechend neuerer Vorstellungen außerhalb des Ortes angelegt.
  4. Der preußische Staat unterstützte den Aufbau mit Planung und Finanzmitteln, die allerdings zögerlich flossen, vor allem für die reformierte Gemeinde, wenn man den Bittschriften glauben darf. Preußen war fast pleite und konnte kein Geld vorschießen, so dass billig gebaut werden musste. Als Haupteinnahme flossen die französischen Entschädigungsgelder erst im Jahr 1818. Die Gelder für die Kirchen zahlten die Franzosen erst 1819. Der Staat richtete ein Baubüro ein, über das die meisten Häuser errichtet wurden bzw. errichtet werden mussten! Beide Kirchengemeinden fühlten sich gleichermaßen benachteiligt und beäugten sich argwöhnisch. Sie mussten mit dem vorliebnehmen, was ihnen der Staat  hinsetzte, und waren gleichermaßen unzufrieden. Die Anordnung, Größe und Gestaltung der Kirchen berücksichtigte jedoch die konfessionellen Eigenheiten.
  5. Über die Betroffenheit der Bevölkerung, die Verhältnisse bei der Evakuierung und die Zustände nach der französischen Besatzung bis zum Aufbau Neu-Büderichs enthalten die Kirchenakten keine Angaben.

 Hermann J. Klein